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Das Leben lieben lernen

Das Leben lieben Lernen - Gedanken.

Mister Matthew alias Matthias Limmer.

Fotos: Réne Limbecker
Models: Lysann Geller & Mister Matthew
Outfits: Helena Marx
Maske: Silvana Gueres

Das Leben lieben Lernen - Gedanken.

Das Leben lieben lernen

Ich scrolle meine Timeline bei Facebook durch. Tot. Er ist tot. Simon, 25 Jahre jung (Name und Alter geändert). Hübscher Kerl, Angestellter bei einer Bank. Tot. Mein Finger stoppt und scrollt nicht weiter. Ich kann es nicht glauben. Vielleicht will ich es nicht glauben. Es war Selbstmord. Und plötzlich schwenkt meine Trauer um in Wut. Wie dumm, denke ich mir und denke unweigerlich an meine Oma, die erst vor 3 Monaten an ihrem Alter gestorben ist.

Ich kannte Simon nur sehr flüchtig, von einer Party in Berlin. Dennoch waren wir bei Facebook befreundet und schrieben regelmäßig. Ein netter Kerl. War immer gut drauf, sah nicht hässlich aus, hatte einen gut bezahlten Beruf sowie viele Freunde – ein scheinbar perfektes Leben. Plötzlich beendet, von ihm selbst. Und auf einmal scheint sein Leben gar nicht mehr so perfekt zu sein, denn irgendwas muss ihn gequält haben.

Während ich bei Facebook auf seiner Pinnwand einen Beileidsgruß nach dem anderen lese, steigt in mir die Wut ins Unermessliche. ,,Komm gut an, dort wo du jetzt bist.“ / ,,Bis bald, mein kleiner Engel.“ / ,,Du warst so toll.“ – heißt es im Grundton in den meisten Postings.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und bin genervt. Denn alles was ich mir denke und dazu zu sagen habe: Simon, das war ein Fehler. Mein neuer Sonntagsartikel über einen jungen Mann, der mir einmal mehr gezeigt hat: das Leben lieben lernen ist wichtig.

Mister Matthew Foto mit schwarz-weiß Fotografie.

,,Das Leben lieben lernen ist wichtig."

– Mister Matthew

Mit einem schwarzen Outfit das Leben lieben.

Simon, das war ein Fehler!

,,Simon, das war ein Fehler!“ – hat er das gerade eben wirklich gesagt? Ja, hat er! Und er steht zu seinem Wort. Menschen, die sich umbringen, haben meinen ganzen Respekt verloren. Auch wenn ich jetzt vielleicht Gefahr laufe, dass ich mir durch diese Aussage keine Freunde mache, möchte ich es dennoch sagen. Denn es macht mich unheimlich wütend, zu wissen, dass sich eine Person das Leben nimmt. Warum tut man das? Oder andersrum gefragt: warum sollte man es nicht tun? Ganz einfach: weil das Leben das größte Geschenk überhaupt ist. Doch ist es das auch noch, wenn Probleme darin auftauchen?

Lief im Leben von Simon alles so gut, dass ihn bereits das kleinste aufkommende Problem aus der Bahn geworfen und ihn zu diesem Schritt verleiten lassen hat? Spekulationen, die es vielleicht lieber nicht aufzustellen gilt. Immerhin kannte ich ihn nur flüchtig. Dennoch komme ich einfach nicht umhin mich zu fragen: WIESO? Es ist für mich ein absolutes Unding. Leben wir in einer Zeit, die so bequem ist, dass uns kleinste Probleme wie das Unlösbare vorkommen? Machen wir viel zu oft aus einer Mücke einen Elefanten?

Ich denke hierbei sofort an meine neulich verstorbene Oma. 1933 geboren, wurde sie sehr streng und katholisch erzogen. Sie hat den Krieg und die Nachkriegszeit miterlebt. Hat Nachbarn ins KZ gehen sehen. Drei wunderbare Söhne großgezogen. Den Haushalt gemeistert. Die Spaltung von Deutschland durchgemacht. Dem gesellschaftlichen Druck auf Frauen standgehalten. Sich auch in der heutigen Zeit, mit ihren tief verankerten Glaubensgedanken, angepasst. Sich voll und ganz dem Leben hingegeben, mit all den für sie bereitstehenden Problemen, Hürden und Meisterschaften. Ein Selbstmord? Für sie absolut undenkbar. Zum Glück.

Sie hat nicht aufgegeben. Hatte nie eine Depression. Hat nie den Kopf hängen lassen. Sondern sie hat ihre Zähne zusammengebissen und einfach gemacht. Sie hat das Leben am Schopfe gepackt und gesagt: ,,So nicht, mein Freundchen.“ Und hat sich damit nicht nur reichlich Lorbeeren im Alter, sondern auch den späteren Tod verdient. Denn den Tod muss man sich irgendwie auch verdienen, finde ich. Wer das Leben nicht ehrt, ist den Tod nicht wert.

,,Wer das Leben nicht ehrt, ist den Tod nicht wert."

Alleine sitzender Mister Matthew.

Mister Matthew

Wie sie mir das Leben lieben lernen beigebracht hat

Meine Oma ist mit 85 Jahren an Alterserscheinungen gestorben. Gerne hätte sie auch die 90 oder 95 Jahre geschafft und so nächstes Jahr die Hochzeit meiner Schwester miterlebt. Doch ihre Zeit hat nein gesagt. Den letzten Kampf hat sie verloren, nachdem sie bereits ihr ganzes Leben gekämpft hatte. Traurig und schade – doch der Lauf der Dinge.

Und dann scrolle ich durch meine Facebook Timeline und muss von dem Selbstmord von Simon lesen. Unfassbar ungerecht. Nicht wahr? Ist unsere Gesellschaft, unsere Natur, sogar bis in den Tod ungerecht? Offensichtlich, denn das was der eine will, bekommt ein anderer: das Leben.

Meine Oma hat das Leben geliebt. Und mir das Leben lieben lernen beigebracht – und zwar mit ihrem Tod. Denn wenn sie auf ihr Leben zurückblickt, dann sieht sie zwar ganz viele schlimme Dinge (Krieg usw.), aber ebenso auch die schönsten Erinnerungen überhaupt. Und für die ist sie unendlich dankbar, das weiß ich.

Viele Menschen, die im Sterben liegen, schauen auf ihr Leben zurück, denken sich dabei nicht selten wie schön es gewesen sein muss, als all die Zeit noch vor ihnen lag. Dem Tod so fern. Dem Leben so nahe. Simon dachte das nicht. Simon hat das Leben nicht geehrt und ist, meiner Meinung nach, den Tod auch nicht wert. Er hat das Leben mit Füßen getreten. Hat seinen Eltern und Freunden das Herz damit gebrochen und hat einem im Alter gestorbenem Menschen der Gerechtigkeit beraubt. Simon, das war ein Fehler. Jeder Selbstmörder macht diesen Fehler. Und ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich so denke.

Das Leben lieben lernen aber wie?

,,Als all die Zeit noch vor uns lag."

Meine Oma VS Simon

Wenn sich meine Oma und Simon im Himmel begegnen, dann hoffe ich wirklich sehr, dass meine Oma ihm das Leben lieben lernen beibringt. Denn wenn Simon eine zweite Chance bekommt und erneut ein Leben leben darf, dann sollte er es nicht so achtsam wegwerfen wie sein Letztes. Doch wie kann man das Leben lieben lernen? Eigentlich nur durch den Tod. Nicht etwa dadurch, dass man ihn selbst erfährt, sondern ihn sich täglich ins Gedächtnis ruft.

Das kann entweder durch einen verstorbenen Verwandten/Bekannten sein, dem man nachtrauert, oder durch solche Sprüche wie ,,Carpe Diem“ und ,,lebe jeden Tag als wäre es dein Letzter.“ – Doch dann muss man diese Sprüche auch wirklich verinnerlichen. Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, dass sich die Leute mit diesen Sprüchen daran erinnern und damit ermahnen, den Spruch aber eher als tolles Zitat für eine Grußkarte sehen, statt ihn für ein reales Lebensmotto zu halten.

Wenn der Respekt vor dem Leben zur heißen Luft wird, dann haben wir alle verloren. Die Lebenden als auch die Toten. Wenn wir uns dem Tod hingeben und das Leben verlassen, dann haben wir vielleicht nie richtig gelebt. Dann haben wir vielleicht nie wirklich für etwas gekämpft. In der dunkelsten Stunde sind wir wohlmöglich alleine. Für immer. Dieser Gedanke alleine, lässt mich vor dem Tod schaudern und jedes noch so große Problem für nichtig halten.

Der Tod ermahnt und belehrt uns. Es ist die natürliche Barriere, die wir beim Gedanken an den Tod verspüren, die bei Simon abhanden gekommen sein muss. Zieht uns der Tod zu sich, sobald wir auch nur eine Sekunde die Herrlichkeit des Lebens aus den Augen verlieren? Ist der Tod ein Magnet, der mit der Liebe schrumpft, dem Hass aber wächst? Ich möchte es nicht wissen, denn ich liebe das Leben.

Wenn ich dann sterbe, weil die Zeit für mich gekommen ist und meine biologische Masse nicht mehr kann, dann begrüße ich den Tod wie einen alten Freund und gehe mit ihm. Aber keine Minute, keine Sekunde eher. Und dann, wenn ich sie treffe, meine Oma und den Simon, dann ist sie für mich der Gott – und sein Tod bleibt der Fehler.

Mister Matthew alias Matthias Limmer.

,,Carpe Diem."

Lachend in schwarzen Outfits von Helena Marx. Schwarz-Weiß Fotografie.

Mister Matthew

Mister Matthew ist der Autor hinter dem Fashion Blog für Männer ,,Mister Matthew”. Seit 2014 berichtet er täglich über seine Outfits und Reisen, Events und Fashion Weeks, über aktuelle Trends und No-Gos, seinen Alltag und seine Erlebnisse. Mister Matthew liebt die guten und schönen Seiten des Lebens und ist ein positiver Mensch durch und durch. Sein Blog steht dabei für hochwertigen und einmaligen Inhalt.

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4 Comments

  1. Marko
    8. Juli 2019 / 0:18

    Lieber Matthew,
    wenn ich dir deine Meinung auch zugestehen möchte und selbst sehr stark mit der Tat von Simon (Name wurde vom Autor des Artikels geändert) hadere, muss ich dir aber auch sagen, dass ich es vermessen finde, ihn hier so anzuklagen.
    Als einer seiner engen Freunde, die sein Heimgehen schmerzlich beklagen, rüge ich dich, dass du Simon (Name wurde vom Autor des Artikels geändert) so sehr an den Pranger stellst. Ob es eine Kleinigkeit war, die ihn aus der Bahn warf, hat dich als entfernter Bekannter nicht zu interessieren und es ist, meine ich, auch kein geeignetes Material, um in der Art über Simon (Name wurde vom Autor des Artikels geändert) zu schreiben. Dass er nicht weniger Idiot war als wir alle sind, kann ich dir bestätigen. Dass er kein perfektes Leben führte allemal auch. Er hatte seine Beweggründe. Das ist zwar keine Entschuldigung, aber rechtfertigt nicht, dass du über diesen Menschen in der Form urteilst. Das steht dir in dieser Form schlicht nicht zu.
    Deine Oma und du liebt das Leben. Vielleicht liest sie ihm ja jetzt die Leviten. Überlasse das ihr. Kümmere dich um die Menschen, die du wirklich kennst, und denen du Gutes tun kannst.

    Entrüstete und traurige Grüße, Marko

    PS: Wenigstens den Namen hättest du ja ändern können.

    (Anmerkung des Autors des Artikels: der Name wurde daraufhin geändert).

    • 8. Juli 2019 / 8:42

      Hallo Marko,

      vielen lieben Dank für dein Feedback! Dass du einen deiner engen Freunde verloren hast, tut mir sehr leid für dich. Mich hat sein Tod ziemlich beschäftigt, weshalb ich darüber schreiben und meine Gedanken in Worte fassen wollte. Mit meinem Blog spreche ich nämlich regelmäßig auch gesellschaftliche, kritische Themen an, die leider viel zu selten im öffentlichen Raum besprochen werden. Selbstmord auf die Agenda zu setzen und mit meinen Lesern (siehe auch bei Instagram und Facebook) zu besprechen, ist also gelungen. Denn nur wenn man Tabuthemen (wozu Tod meiner Meinung nach leider gehört) bespricht, können sie die Bezeichnung ,,Tabu“ verlieren.

      Vielleicht steckt mir der Tod meiner Oma noch zu sehr im Kopf, als dass ich einen Freitod verstehen kann/will. Wir Menschen sind frei, bis in den Tod – und das sei Simon gegönnt (also die Freiheit).

      Auf das es ihm jetzt gut geht wo er ist und wir Lebenden uns einmal mehr mit dem Tod beschäftigt haben.

      Entschuldigende Grüße,

      Mister Matthew

  2. Laura
    7. Juli 2019 / 11:40

    Ich finde deinen Grundgedanken zu diesem Thema sehr nachvollziehbar und gut. Das Leben ist ein Geschenk, man sollte jeden Tag in vollen Zügen genießen.

    Aber welches Recht haben wir über diesen Simon (Name wurde vom Autor des Artikels geändert) zu urteilen? Wer weiß, was er durchgemacht hat. Vielleicht hat er ein schweres Trauma nicht überwunden, oder litt an Depressionen. Für Außenstehende ist es meist sehr schwierig zu verstehen, was in diesen Menschen innerlich vorgegangen sein muss.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag,
    LG Laura

    • 7. Juli 2019 / 11:43

      Hallo Laura,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Ja, wir können wirklich nicht nachvollziehen was in seinem Kopf vorgegangen ist. Was ihn belastet hat, usw. Wir können aber seine Tat nehmen und die für schlecht heißen. Genauso wie ich Morde allgemein beschissen und schlimm finde, genauso schlimm finde ich einen MORD an einem selbst. Man ist dann ein Mörder.

      Hab du auch einen schönen Sonntag!

      modische Grüße,

      Matthew <3

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